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"Lietuvos diduomenė" (ZUSAMMENFASSUNG)

Dieser Blick auf die Quellensituation läßt vermuten, daß ein bedeutender Teil der Vergangenheit sich hinter den Chronikentexten oder in ihren Andeutungen steckt.

DER LITAUISCHE HOCHADEL ENDE DES 14. UND IM 15. JAHRHUNDERT: ZUSAMMENSETZUNG - STRUKTUR - HERRSCHAFT

ZUSAMMENFASSUNG (Das Buch in Litauisch)

Das 14. und vor allem das 15. Jahrhundert gilt in der Historiographie Litauens traditionell als die Übergangszeit von der großfürstlichen zur adligen Herrschaft. Diese Auffassung beruht hauptsächlich auf der Interpretation der rechtlichen Quellen, nämlich der Privilegien der litauischen Großfürsten im 15. Jh. Sie, so heißt es, haben den Adligen das Recht gegeben, alle wichtigen politischen Entscheidungen zu treffen. Also bezieht sich die Frage nach der politischen Macht des Adels in der Forschung auf die Entstehung der Standesprivilegien, die gleichzeitig in einen Zusammenhang mit den Reformen des Großfürsten Witold (Vytautas) (1392-1430) am Anfang des 15. Jhs. und mit dem institutionellen Einfluß Polens nach der Union von Horodlo 1413 gebracht werden. Es ist interessant zu bemerken, daß in der litauischen Historiographie die Politik des Witolds, in der polnischen aber die Union von Horodlo für den entscheidenden Faktor bei der Herausbildung der adligen Gewalt gehalten wird.
Aber eine solche Konzeption nimmt keine Rücksicht auf die Inkongruenz zwischen dem rechtlichen Stand und der realen sozialen Lage. Die erwähnten Privilegien gehen von einem einheitlichen Stand des litauischen Adels aus, obwohl dieser ein viel differenzierteres und komplizierteres Gebilde war.
Das vorchristliche Litauen wird in der Regel als „fürstliches Litauen“ bezeichnet. Diese Ansicht ist sehr alt. Ich werde mich wohl nicht irren, wenn ich sage, daß sie eine säkuliarisierte Variante der mittelalterlichen Geschichtsschreibung ist, die die Geschichte als Kette des Herrscherhandelns darstellt. Die Tatsache, daß unsere Kenntnisse über das heidnische-Litauen allein aus den ausländischen Chroniken erworben sind, die eine interessante, aber zugleich problematische Quellengruppe bilden, ist nicht ohne Bedeutung. Die heimische historiographische Tradition hat sich in Litauen erst sehr spät entwickelt, und die auswärtigen Autoren beschränkten sich meistens auf die Beschreibung von Kriegsereignissen, ohne über die gesellschaftlichen Verhältisse Auskunft zu geben. Im Mittelpunkt ihrer Betrachtung standen nur die Herrscher mit ihren Aktionen, während die konkreten Umstände und andere Personen außer Acht gelassen wurden.

Dieser Blick auf die Quellensituation läßt vermuten, daß ein bedeutender Teil der Vergangenheit sich hinter den Chronikentexten oder in ihren Andeutungen steckt. Die Einseitigkeit der vorhandenen Information wird noch deutlicher, wenn man sich die damaligen Bedingungen des politischen und sozialen Lebens vergegenwärtigt. Dem Herrscher fehlten noch die festen administrativen Strukturen. Die einzige politische Macht, die ihm zur Verfügung stand, war eben der Adel. Bei den ständigen Kämpfen um den Thron waren die Chancen des einen oder anderen Kandidaten von der Sympatie der Großen abhängig. In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, daß es seit dem Beginn des 14. Jhs. bis ins 15. Jh. hinein keine einzige friedliche Thronfolge in Litauen gab.
In dieser Hinsicht ist die Erforschung der Stellung des Hochadels im 15. Jahrhundert von entscheidender Bedeutung. Einerseits muß man sich mit der herrschenden Meinung auseinandersetzen, nach der die litauischen Adligen erst gegen die Mitte des 15. Jhs. ihre eigene Macht herausbilden konnten. Andererseits ist die personengeschichtliche Adelsforschung erst seit dem Ende des 14. Jhs. möglich.
Dabei konzentriere ich mich auf folgende Schwerpunkte (die Aufgaben dieser Forschung): 1) die Herkunft der Hochadligen der Witold-Zeit; 2) die adlige Grundherrschaft; 3) die genealogische Kontinuität der herrschenden Elite im 15. Jahrhundert; 4) die Voraussetzungen der Herrschaft litauischer Amtsträger; 5) die verwandschaftliche Struktur des Adels.
Die Konzeption der Arbeit hat die wichtigsten Forschungsmethoden bestimmt: die genealogische, prosopographische, vergleichende und statistische Methode.
Am Anfang der Arbeit wurden die einigen terminologischen Probleme erläutern. Der Begriff „Hochadel“ ist nicht unumstritten. Es gab eigentlich keine rechtliche Absonderung dieser Schicht. Aber die Quellenterminologie spiegelt die reale Ungleichkeit innerhalb des Adels wider (nobiles, meliores, proceres, satrapae, nobiles satrapae, sogar meliores satrapae.). Man kann die Existenz einer sozialen Schicht annehmen, die herrschaftliche Funktionen ausübte: sie bekleideten die Ämter, bildeten den Rat des Großfürsten, verfügten über den großen Grundbesitz. Diese Schicht ist Gegenstand dieser Arbeit.
Die soziopolitische Bedeutung des Adels wird in der Historiographie erst mit dem vermeintlichen Rückgang der Herrscherautorität nach dem Tode Wi-tolds 1430 in Verbindung gebracht. Um dies in Zweifel zu ziehen, muß man nach der Herkunft der Adligen der Witold-Zeit suchen. Aber eine solche Aufgabe stößt unmittelbar auf das oben angedeutete Quellenproblem. Die Namen der litauischen Adligen des 14. Jahrhunderts sind, von wenigen Verträgen abgesehen, nur in einigen Chroniken des Deutschen Ordens zufinden. Ein weiteres Problem ist das System der Namengebung im heidnischen Litauen. Hier sind die z. B. in den germanischen Ländern geltende Prinzipien der Nachbenennung und der Namensvariation unbekannt gewesen, was die Identifizierung der genealogischen Beziehungen wesentlich erschwert. Die existierende Ein-namigkeit läßt die Erkennung der Vorfahren der großen Geschlechter des 15. Jahrhunderts in den früheren Adelsgenerationen nicht zu. Gleichzeitig bleiben die Theorien über das Aussterben der früheren gentilen Eliten unbewiesen. Höchstens kann man überprüfen, ob die Eltern der einflußreichsten Personen der Witold-Zeit bereits mit herrschaftlichen Kompetenz ausgestattet wurden.
Die Untersuchung der Herkunft der hervorragendsten Hochadligen hat gezeigt, daß ihre hohe Position von ihrer Abstammung abgeleitet werden kann. Ohne hier die Einzelfälle zu analysieren, kann man zusammenfassend feststellen, daß die Väter dieser Magnaten bereits Angehörige der herrschaftlichen Elite waren. Es gibt also kein Grund, sie für den Dienstadel zu halten, oder über die Hervorhebung der neuen sozialen Schicht durch den Großfürsten Witold zu sprechen. In der späteren Tradition der berühmtesten Geschlechter ist bezeichnenderweise von der Besonderheit dieser Zeit nichts zu spüren, ganz im Gegenteil zu dem Kleinadel, für den die Privilegien des Witolds eine Legitimation ihres Status bildeten. Auch in den frühesten einheimischen historiog-raphischen Texten fehlen jegliche Hinweise auf die den Hochadel betreffende Reformen.
Ein schwieriges Problem ist der adlige Grundbesitz. Die Forschung ist stark von dem großen Werk des polnischen Historikers H. Lowmianski geprägt. Seiner Meinung nach, betrug der adlige Grundbesitz der Witold-Zeit in der Regel ein Hof. Man kann Lowmianski zustimmen, wenn er sagt, Witold habe sehr viel für die Entstehung des großen Grundbesitzes beigetragen. Aber nicht nur großfürstliche Schenkungen bildeten die materielle Grundlage der hochadligen Macht. Der genauere Einblick in die Urkunden (besonders in die urkundliche Sprache) hat gezeigt, daß sich hinter manchen großfürstlichen Schenkungen die formale Bestätigung der adligen Grundherrschaft verbirgt. Aus den Quellen kann man ersehen, daß es in Litauen am Anfang des 15. Jahrhunderts eine komplizierte Grundbesitzstruktur gab, die der strikten Formel „ein Adliger - ein Hof widerspricht. Charakteristisches Merkmal der patrimonialen Besitzstruktur war die topographische Zerstreuung der einzelnen Grundstücke. Dies entspricht der kognatischen Sippenstruktur. Die gleichzeitige Präsenz in verschiedenen Teilen des Landes zeigt den breiten Funktionsbereich der Hochadligen. Die innere Struktur der Grundherrschaft kann angesichts des Fehlens archäologischer Untersuchungen nicht genauer rekonstruiert werden. Aus den Stiftungsurkunden des 15. Jhs. wissen wir über die Kirchen bei den adligen Höfen. Die Rekonstruktion der Topographie der patrimonialen Güter macht deutlich, daß sie sich größtenteils in den sog. Lithuania propria konzentrierten.

Es bleibt unklar, inwieweit sich das Recht des Großfürsten auf den adligen Grundbesitz erstreckte. Einige Quellenstellen deuten an, daß das Wegnehmen der patrimonialen Güter als Verletzung der adligen Rechte galt.
Ein weiteres Kriterium für die sozialpolitische Bedeutung des Hochadels ist die genealogische Kontinuität der herrschenden Elite. Eine gute Möglichkeit, die einflußreichsten Personen zu erkennen, geben die Zeugenlisten der großfürstlichen Urkunden. In Litauen wurden die Urkunden erst seit dem Ende des 14. Jahrhunderts, also seit der Union mit Polen und der Einführung des Christentums, regelmäßig konzipiert, deswegen ist eine solche Forschung nur für diese Zeit möglich. Die Zeugen erfüllten auch Kontrollfunktion, dem Empfänger war nicht gleichgültig, welche Namen in den Eschatokol eingezogen wurden. In der Zeit der vorherrschenden mündlichen Kultur spielten die Zeugen die Hauptrolle bei der Verwirklichung des jeweiligen Privilegs. Bedeutender ist jedoch ein anderer Aspekt der Information dieser Zeugenlisten. Ihre Angaben bezeichnen den Personenkreis, der den Herrscher auf seinen ständigen Reisen begleitete. Das Beisammensein mit dem Herrscher eröffnete die Möglichkeit, sich unter denen zu befinden, mit denen man rät (consiliarii, rath) und gleichzeitig Entscheidungen beeinflußen zu können.
Ich habe alle mir zugängliche Zeugenlisten des ausgehenden 14. und des 15. Jahrhunderts bearbeitet. Es ergab sich, daß der Personenkreis, der einen Großfürsten umgab, sich in seiner sozialen Stabilität überhaupt nicht änderte. Aufgrund dieser Untersuchung kann man die Kontinuität der litauischen Oberschicht nachweisen. Die chronologische Differenzierung des Materials läßt keinen markanten Bruch innerhalb der führenden Elite erkennen. Im Laufe des hier zu erforschenden Zeitabschnit wird eine allmähliche Steigerung des Einflusses der einzelnen Personen sichtbar.
Diese Überlegungen führen zu dem Gedanken, daß der Adel, oder genauer gesagt seine oberste Schicht, ein realer sozialer und politischer Faktor der litauischen Geschichte des 14. und 15. Jhs. war. Damals existierte schon eine soziale Gruppe, deren Zugehörigkeit von der Herkunft bestimmt wurde. Die formale rechtliche Fixierung des Standes durch die großfürstlichen Privilegien änderte an den bestehenden Verhältnissen kaum etwaß. Ein Teil von diesen Großen stammte aus der alten gentilen Aristokratie. Die Annahme ihrer Ausrottung oder ihres Aussterbens ist zweifelhaft. Uns interessiert hier die Frage nach der Macht ihrer Nachkommen. Sie lautet: war die adlige Herrschaft von den großfürstlichen Privilegien abhängig, oder hatte sie ihre eigenen Wurzeln?
In dieser Hinsicht ist wichtig zu erforschen, ob die lokalen Ämter (Hauptmänner) schon im 15. Jh. nicht erblich geworden sind. Die Untersuchung hat gezeigt, daß sich in manchen Fällen eine Korrelation zwischen diesen lokalen Ämtern und Erbbesitzungen (Patrimonien) der Adligen, die sie bekleideten, festellen läßt. Der Großfürst mußte sich auf die bereits existierenden hierarchi-sehen Verhältnisse stützen, da es keine einheitliche administrative Struktur für das ganze Land gab. Der Chronist des Deutschen Ordens Wigand von Marburg berichtet über das litauische Heer, das im Land Maisiagala im Jahr 1365 den Kreuzrittern begegnete. Dieses Heer führte ein gewisser Busko. Nach einigen Jahren erwähnen die Wegeberichte im naheliegenden Land das Busekin-dorf. Man kann annehmen, daß wir hier mit der Herrschaft des einheimischen Adligen zu tun haben. Die in der Historiographie herrschende Meinung, daß die Großfürsten des gediminidischen Geschlechts den Dienstadel geschaffen hätten, der sich erst später emanzipierte, vereinfacht wohl die damaligen sozialen und politischen Beziehungen. Zu dem Kreis der herrschenden Oberschicht gehörten auch diejenige, die kein Amt besaßen. Zum Beispiel stand der Minigajlo immer als erster unter den Zeugen der Urkunden des Witolds, obwohl er manchmal kein Amt ausübte. Die innere Hierarchie des Hochadels stimmte mit der aus den späteren Zeiten bekannten Rangfolge der Ämter nicht überein. Im 16. Jahrhundert hatte z. B. der Wojewode von Vilnius den höchsten Rang im Land. Im Jahre 1387 war dagegen der Hauptmann von Asmena der einflußreichste Adlige im Land. Es ist klar, daß seine hohe Position nicht von seinem Amt abhängig war.
Die Tatsache, daß der Hochadel alle Ämter innehatte, bedeutet nicht seine dienstliche Herkunft. Ganz im Gegenteil, das Recht die Ämter zu besitzen, hatten ausschließlich die adligen Personen. Der Großfürst konnte dank seinem Ernennungsrecht die Rangfolge innerhalb des Adels beeinflussen. Aber die Untersuchung der Personalien der Hauptmänner hat die Grenzen seiner Macht gezeigt. Die größten Chancen, Nachfolger eines Hauptmannes zu werden, hatten seine Verwandten. Für einen Menschen, der nicht zu der lokalen Elite zählte, fiel es außerordentlich schwer, die großfürstliche Macht erfolgreich zu repräsentieren. Die Quellen des 15. Jahrhunderts erwähnen keine dem Hauptmann verpflichtete Personengruppe. Was sicherte dann seine Herrschaft? Die Unterstützung war nur von der Seite der Verwandten und der Verbündeten, die die Quellen als amici, frunde, npunme/iu. bezeichnen, zu erwarten. Dies zeigt wiederum, wie sehr die großfürstliche Gewalt die lokalen Gegebenheiten respektieren mußte.
Somit ist das Problem der Bedeutung verwandtschaftlicher Beziehungen angesprochen, was für die Untersuchung der Struktur des Adels am wichtigsten ist. Die Historiographie wurde in dieser Frage stark von der Diskussion zwischen den polnischen Forschern O. Halecki und W. Semkowicz geprägt. Der polnische Genealoge W. Semkowicz hat eine Theorie der Sippenstruktur des litauischen Adels konsequent verteidigt. Er bezeichnete die litauische Gesellschaft des 14. und 15. Jhs. ausschließlich in den Kategorien der Sippenverfassung. Diese Theorie hat O. Halecki zu Recht kritisiert. In der Tat ist eine einheitliche, geschlossene und politisch wirksame Sippenorganisation anhand der Quellen nicht faßbar. Aber diese Kritik wurde von den Begriffen seines Opo-nenten - entweder eine uralte Sippe oder eine Kernfamilie - so zusagen präfiguriert. Andere Möglichkeiten, die verwandschaftlichen Beziehungen zu erforschen, wurden nicht berücksichtigt.
Die neuere Mittelalterforschung hat die „offene Sippenstruktur"entdeckt. Die frühmittelalterlichen Sippen waren keine rechtlich definierten, statischen Größen, sondern stets wandelnde Gebilde. Eine solche Sippenstruktur konnte nicht stabil sein, denn jede Generation lebte jeweils in einer anderen verwandschaftlichen Konstellation. Unter solchen Umständen war die Herausbildung erblicher Sippennamen und substantieller langjähriger „Sippennester" gar nicht möglich, also der Erscheinungen, die die Historiographie vermißte.
Man sollte immer im Auge behalten, daß die Namen wie „Gediminiden" in den zeitgenossischen Quellen nur für die Söhne verwendet wurden. Erst später haben die Historiker diese Namen für die ganze Dynastie extrapoliert. Im damaligen Bewußtsein hatte der genealogische Aspekt wenig Bedeutung. In der „Chronik der litauischen Großfürsten", die in der Umgebung des Wi-tolds verfaßt worden ist, beginnt seine Geschichte von seinem Großvater Ge-dimin, während die früheren Zeiten unerwähnt bleiben. Vielleicht war es damals nicht nötig, an die vor dem Großvater lebenden Ahnen zu erinnern, weil diese Erinnerung gar nichts ändern konnte.
Sehr aussagekräftig sind die Namen der litauischen Adligen. Ende des 14. Jahrhunderts beginnt sich das System der Zweinarnigkeit bei dem litauischen Adel durchzusetzen (Name+Vatersname). Der Vatersname des Kesgajls ist Walmantowicz, während sein Sohn Johann Kesgajlowicz (d. h. Sohn des Kesgajls) heißt. Noch interessanter ist, daß der Sohn des letzteren sich Stanislaw Janowicz (also Sohn des Johanns) nannte, obwohl sein Großvatersname Kes-gajl (er war einer der einflußreichsten Hochadligen in der ersten Hälfte des 15. Jhs.) nach unserer Vorstellung ehrenvoller wäre, als das allzu gemeine Janowicz. Doch es wurde wohl in anderen Kategorien gedacht. Die Angaben der zeitgenossischen Quellen zeigen deutlich, daß die verallgemeinerte Benennung der Personen aus verschiedenen Generationen mit den Erbnamen wie „Kesgajl/Kesgajlowicz" oder „Montigird/Montigirdowicz" eine spätere Erfindung der Genealogen ist. Es ist mir nur eine Ausnahme bekannt, und zwar der Name Gasztold, der schon im 15. Jh. von den weiteren Generationen geerbt wurde. Vielleicht spielte hier die vermutliche Verwandschaft mit den polnischen Adligen eine Rolle. Erst im 16. Jh. bildeten sich die Erbnamen bzw. Familiennamen des litauischen Adels aus.
Solche Namenstradition läßt die Umrisse des Sippenbewußtseins bezeichnen. Es ist vor allem „horizontal" und nicht „vertikal", indem man die Verwandte der Nebenlinien kennt und die Ahnen vergißt. Es fehlte jegliche Kulturform, die die Kenntnisse über die Vergangenheit aufbewahren konnte.

Besonders war das Fehlen der Schriftkultur in dieser Hinsicht von Bedeutung, da die Fähigkeiten der mündlichen Überlieferung sehr begrenzt waren. Die litauische Chronistik des 16. Jahrhunderts hat die geschichtliche Tradition der litauischen Herrengeschlechter nicht aufgeschrieben, sondern geschaffen.
Die Sippe ist nicht eine biologische, sondern vielmehr eine soziale Kategorie, deren Wesen ein spezifisches Bewußtsein ausmacht. Dieses Bewußt-sein charakterisiert eine gewisse Auswahl an den Beziehungen innerhalb der Sippe, die eine große Rolle der Verwandschaft mütterlicherseits zubilligte. Es kam oft vor, daß die hohe Stellung der Person von der Sippe der Mutter geerbt wurde. Leider verschweigen die Quellen die Mütternamen der Adligen der Witold-Zeit und nur selten nennen sie ihre Frauen und Töchter. Aber auch diese wenigen uns bekannten Angaben sprechen über die Bedeutung der mit Hilfe der Frauen entstandenen Bindungen.
Diese adlige Sippen sollte man nicht für sehr groß halten. Aber wie aus einigen gemeinsamen Stiftungsurkunden hervorgeht, endete ihr Bestand nicht mit den Brüdern und Vettern. Zu den Sippenfunktionen zählten die Bewahrung der sozialen Stellung, der Personenschutz und das Gedächtnis. Unklar bleibt jedoch die politische Koordination in der Sippe. Die herrschende Dynastie der Gediminiden konnte kaum geschlossene und politisch wirksame Sippen dulden. Andererseits wurden sie durch das sich herausbildende Amtssystem aufgelöst. Es ist offensichtlich, daß die Ämter nicht gemeinsam ausgeübt werden konnten, und ebenso war ein gemeinsames Recht auf sie nicht denkbar, was aber in der Grundherrschaft der Fall war. Auf diese Weise wurde die Transformation der „offenen Sippenstruktur" in das strukturierte, agnatische Geschlecht programmiert.
Die ersten Zeichen dieses Wandels waren in dem fürstlichen Geschlecht sichtbar. 1341 verteilte Gedimin das Land auf seine sieben Söhne. Indessen änderte sich radikal die Erbsituation am Ende der Herrschaft von Olgierd und Kejstut (Ende des 14. Jhs.). Immer stärker setzte sich das Prinzip der Aussonderung eines Sohnes (noch nicht unbedingt des Erstgeborenen) fest. Das Beispiel der Großfürsten scheint Schule gemacht zu haben. Unsere Kenntnisse über die Genealogie des litauischen Hochadels im 15. Jh. ist sehr spärlich, doch erlauben sie einige Schlußfolgerungen. Ich kehre noch einmal zu der Geschichte des Gasztold-Geschlecht zurück, bei der wir die Korrelation zwischen dem konstanten Familiennamen und der neuen verwandschaftlichen Politik beobachten können (wie ich schon erwähnt habe, wurde der Name Gasztold schon im 15. Jh. geerbt, im Gegenteil zu den anderen Sippen). Obwohl in jeder Generation mehere Vertreter der Gasztolds bekannt sind, wissen wir jeweils nur über die Nachkommen eines einzigen. Einige Details aus der Biographie der Kinder des Johanns Gasztolds (der führende litauische Magnat in der Mitte des 15. Jhs.) bestätigen die Annahme einer bewußten matrimo-nialen Strategie. Sein Sohn Georg machte eine geistliche Karriere. Somit wurden die Möglichkeiten ausgenutzt, die die Kirche für die Versorgung der für die Heirat nicht vorgesehenen Söhne stellte. Eine seiner Töchter, Maria, heiratete den Fürsten Simon Olelkowicz (den Vertreter des Gediminidischen Geschlechts). Die andere aber, Alexandra, ging ins Kloster. Man kann vermuten, daß der Wunsch, die Töchter um jeden Preis zu verheiraten, überholt war.
Die neue verwandschaftliche Politik führte zu der Konzentration des Grundbesitzes des Geschlechts und gleichzeitig seiner Macht. Sie führte aber auch zu der Gefahr des Aussterbens des Geschlechts. So geschah es übrigens mit dem Geschlecht Gasztold im 16. Jahrhundert.
Aber wichtiger war das Streben nach der Unteilbarkeit des Besitzes, weil damit die soziopolitische Bedeutung des Geschlechts verbunden war. Die breiten Beziehungen der Sippe, die früher ihre Macht bildeten, waren nicht mehr aktuell. Im 13. Jahrhundert sagte die „Livländische Reimchronik" von dem livischen Großen Kaupo, um seine Macht auszudrücken, daß sin geschlechte daz ist breit. Ende des 15. Jahrhunderts haben die staatlichen Strukturen viele Funktionen übernommen, die früher von den Verwandten geleistet wurden. Während dieses Transformationsprozesses ist es einigen Geschlechtern (Gasztold, Kesgajlowicz, Radziwill) gelungen, ihre hohe Position zu erhalten, andere dagegen (Sakowicz, Swirski) konnten der Verarmung nicht widerstehen. Die Erblichkeit der Ämter und Lehen, die an den hochadligen Höfen dienenden Bojaren zeigen, daß in Litauen im 15. Jahrhundert die Ansätze zu der Herausbildung der Lehnsverfassung durchaus vorhanden waren. Schon im 14. Jahrhundert war der litauische Adel uneinheitliches Gebilde, die Entstehung der neuen sozialen Schicht (des Dienstadels) hat diese Schichtung wesentlich vergrößert. Semantisch kennzeichnet diese Trennung die Tatsache, daß die litauischen Hochadligen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nicht mehr als Bojaren genannt wurden.

 

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